Hier folgen nun die Texte der meisten Gedichte meiner CD "Der Werwolf". All diese Texte in Form eines Booklets der CD beizufügen habe ich erwogen, aber schließlich verworfen. Die verwendbare Schriftgröße hätte ein augenentspanntes Lesen nicht ermöglicht.

Für die Gedichte, die hier nicht zu lesen sind, habe ich keine Abdruckgenehmigung erhalten. Ich wünsche Dir viel Freude beim Lesen!

 

 

Der Rattenfänger Blues

(Emanuel Geibel 1918, Refrain: Helge Keipert 2015

 

Ich kenn' eine Weise, und stimm' ich mein Rohr,

da spitzen die Mäuse, die Ratten das Ohr;

Sie kommen gesprungen, als ging' es zum Fest,

die alten, die jungen aus jeglichem Nest;

Aus Ritzen und Pfützen, aus Keller und Dach,

Da hüpft es und schlüpft es und wimmelt mir nach.

 

Und greif' ich mit Schalle den Triller dazu,

so scharen sich alle gehorsam im Nu.

Sie lüpfen, vom Zauber der Töne gepackt,

die Schwänzelein sauber und springen im Takt.

Sie springen und schwingen sich hinter mir drein

und munter hinunter zum strudelnden Rhein.

 

Ja, ich bin der Rattenfänger!

Ich spiel den Rattenfänger-Blues!

Ja, ich bin der Rattenfänger!

Ich spiel den Rattenfänger-Blues,

Wenn's keiner tut: ich tu's!

 

Und blas' ich dann tiefer die Fuge zum Schluss,

da rennt das Geziefer wie toll in den Fluss;

Da rettet kein Schnaufen, kein Zappeln sie mehr,

sie müssen ersaufen wie Pharaos Heer;

Die Welle verschlingt sie mit Saus und mit Braus,

dann schwing' ich den Hut, und das Elend ist aus.

 

 

Ja, ich bin der Rattenfänger!

Ich spiel den Rattenfänger-Blues!

Ja, ich bin der Rattenfänger!

Ich spiel den Rattenfänger-Blues,

Wenn's keiner tut: ich tu's!

 

 

 

 

 

Die Nixen

(Heinrich Heine 1844)

 

Am einsamen Strande plätschert die Flut,

der Mond ist aufgegangen,
auf weißer Düne der Ritter ruht,
von bunten Träumen befangen.

 

Die schönen Nixen, im Schleiergewand,

entsteigen der Meerestiefe.
sie nahen sich leise dem jungen Fant,

sie glaubten wahrhaftig er schliefe.

 

Die eine betastet mit Neubegier
die Federn auf seinem Barette.
Die Andre nestelt am Bandelier
und an der Waffenkette.

 

Die dritte lacht und ihr Auge blitzt,
sie zieht das Schwert aus der Scheide,
und auf dem blanken Schwert gestützt
beschaut sie den Ritter mit Freude.

 

Die vierte tänzelt wohl hin und her
und flüstert aus tiefem Gemüte:
„O, dass ich doch dein Liebchen wär,
Du holde Menschenblüte!“

 

Die fünfte küsst des Ritters Händ,
mit Sehnsucht und Verlangen;
die sechste zögert und küsst am End
die Lippen und die Wangen.

 

Der Ritter ist klug, es fällt ihm nicht ein,
die Augen öffnen zu müssen;
er lässt sich ruhig im Mondenschein
von schönen Nixen küssen.

 

Am einsamen Strande plätschert die Flut,

der Mond ist aufgegangen,
auf weißer Düne der Ritter ruht,
von bunten Träumen befangen.

 

 

 

 

 

 

König Etzels Schwert  

(Conrad Ferdinand Meyer um 1876)

Der Kaiser spricht zu Ritter Hug

"Du hast für mich dein Schwert verspellt,

des Eisens ist bei mir genug,

geh, wähl dir eins, das dir gefällt!"


Hug schreitet durch den Waffensaal,

wo stets der graue Schaffner sitzt.

"Der Kaiser gibt mir freie Wahl

aus allem, was da hangt und blitzt!"

Er prüft und wägt. Von ihrem Ort

langt er die Schwerter mannigfalt -

"Sprich, wessen ist das große dort,

gewaltig, heidnisch, ungestalt?"

"Des Würgers Etzel!" flüstert scheu

der Graue, der es hält in Hut.
"Des Hunnenkönigs! Meiner Treu,

so lechzt und dürstet es nach Blut!"

"Lass ruh'n. Es hat genug gewürgt!

Die tote Wut erwecke nicht!"
"Gib her! Dem ist der Sieg verbürgt,

der mit dem Schwert des Hunnen ficht!"

Und wieder sprengt er in den Kampf.

"Du hast dich lange nicht geletzt,
Schwert Etzels, an des Blutes Dampf!

Drum freue dich und trinke jetzt!"

Er schwingt es weit, er mäht und mäht

und Etzels Schwert, es schwelgt und trinkt,
bis müd die Sonne niedergeht

und hinter rote Wolken sinkt.

Als längst er schon im Mondlicht braust,

wird ihm der Arm vom Schlagen matt,
Er frägt das Schwert in seiner Faust:

"Schwert Etzels, bist noch nicht du satt?

Lass ab! Heut ist genug getan!"

Doch weh, es weiß von keiner Rast,
Es hebt ein neues Morden an

und trifft und frisst, was es erfasst.

"Lass ab!" Es zuckt in grauser Lust,

der Ritter stürzt mit seinem Pferd
Und jubelnd sticht ihn durch die Brust

des Hunnen unersättlich Schwert.

 

 

 

 

 

 

Die Retter

(Erich Fried 1921 - 1988)

 

Eine Fliege war am Ertrinken

zwei Haifische sahen sie sinken.

Da sagte der eine Hai: "Ei

schwimmen wir da vorbei!"

Der andre besann sich nicht lang

er sprach: "Diese Fliege ist krank!

 

Hier am Grund unten geht sie zugrund

frische Seeluft wär für sie gesund!"

Der eine Hai schnappte sie auf

und schwamm zur Oberfläche hinauf

und spuckte sie seinem Genossen

auf eine jener Flossen

die ein Hai auf dem Rücken trägt

wo sie munter die Seeluft zersägt

 

Doch obwohl man ihr Seeluft bot

die Fliege war und blieb tot.

Da kränkten sich ihre Finder

und fraßen verbittert drei Kinder ...

 

 

 

 

 

 

Der Tod und das Mädchen 

(Matthias Claudius 1755)

 

Das Mädchen:

Vorüber! Ach, vorüber!

Geh wilder Knochenmann!

Ich bin noch jung, geh Lieber!

Und rühre mich nicht an.

 

Der Tod:

Gib mir deine Hand, du schön und zart Gebild!

Bin Freund, und komme nicht, zu strafen.

Sei gutes Muts! ich bin nicht wild,

sollst sanft in meinen Armen schlafen!

 

 

 

 

 

 

Die Wahl

 

(Gottlieb Konrad Pfeffel um 1795

Kursives Helge Keipert um 2005)

 

Graf Hunerich, ein deutscher Mann,
hielt sich und seinem Weib,
Frau Hedwich, einen Schloßcaplan
zum frommen Zeitvertreib.

Der
Mönch vergaß, beym leckern Tisch

des Grafen, sein Brevier;
aß auch am Freytag selten Fisch,

trank lieber Wein als Bier.

Einst weckt ihn was um Mitternacht;
da stand mit stillem Grimm,
gehörnt, in schwefelgelber Tracht,
Fürst Lucifer vor ihm.

Wähl, sprach er, unter dreyen Eins:
ermorde Hunerich,
entehr ein Weib, sauf dich voll Weins,
sonst hohl ich morgen dich.

 

"Was mach ich nur" fragt er sich lang,

"was soll ich denn nur tun?",

der Morgen graut, der Tag erwacht,

doch er, er kann nicht ruhn.


Er wählt die Flasche, treibt berauscht
mit Hedwich frevle Lust
und stößt dem Mann, der sie belauscht,
ein Messer in die Brust.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Störtebeker

 

(Walter Göttke 1924)

 

Der Störtebeker ist unser Herr
von Gödeke Michels beraten!
Wir jagen sturmschnell über das Meer,

des fliegenden Holländers Paten.
Gevatter ist der Klabautermann,

Schiffvolk pack an!
Leben ist Tand!

Wir sind die Hölle von Helgoland!

 
Blutrot knallt unsre Flagge am Mast,
am Boden da huschen die Ratten.
Ein Totengerippe ist unser Gast,
im Segel sehn seltsame Schatten.
Im Kielwasser schwimmt uns das Meerweib nach,
Schiffsvolk so lach!
Leben ist Tand!
Noch herrscht die Hölle von Helgoland!

 

Den Teufel haben wir selber an Bord,
der Schiffsrumpf birgt gleißende Schätze.
Das Kreuz des Pfaffen ist fehl am Ort,
wir lieben den Trunk und die Metze.
Die Tanzmusik spielt das wilde Meer,
Schiffsvolk komm her!

Leben ist Tand!
   So lebt die Hölle von Helgoland!

 

Und macht unser Kahn die letzte Fahrt,
lasst lachend, als Sarg ihn versinken.
Wir sterben nach alter Seeräuberart,
heut kämpfen und morgen ertrinken.
Bei grünen Algen und weißem Sand,
Schiffsvolk da strand!
Leben ist Tand!
So stirbt die Hölle von Helgoland.

 

 

 

 

 

Doktor Eisenbart

(Volksliedtext 1745, kursiv: Helge Keipert)

 

Ich bin der Doktor Eisenbart,
kurier' die Leut' nach meiner Art,
kann machen, dass die Blinden geh'n,
und dass die Lahmen wieder seh'n,

Des Küsters Sohn in Dudeldum,
dem gab ich zehn Pfund Opium,
darauf schlief er Jahre, Tag und Nacht,
und ist bis jetzt noch nicht erwacht.

Zu Prag, da nahm ich einem Weib
zehn Fuder Steine aus dem Leib;
der letzte war ihr Leichenstein;
sie wird wohl jetzt kurieret sein.

Sehr wohlfeil ist auch meine Kur,
denn jeder braucht sie einmal nur;
was mancher nur im Jahr vermag,
kuriere ich an einem Tag.

 

Ich bin der Doctor Eisenbart!

Vertraut sich mir ein Patient,
so mach' er erst sein Testament;
ich schicke niemand aus der Welt,
bevor er nicht sein Haus bestellt.

Das ist die Art, wie ich kurier',
sie ist probat, ich bürg' dafür;
dass jedes Mittel Wirkung tut,
schwör' ich bei meinem Doctorhut

 

Ich bin der Doctor Eisenbart!

 

 

 

 

 

 

Die Drei

(Nikolaus Lenau 1842)

 

Drei Reiter nach verlor'ner Schlacht,

wie reiten sie so sacht so sacht!

 

Aus tiefen Wunden quillt das Blut,

es spürt das Ross die warme Flut.

 

Vom Sattel tropft das Blut vom Zaum

und spült hinunter Staub und Schaum.

 

Die Rosse schreiten sanft und weich,

sonst flöss das Blut zu rasch, zu reich.

 

Die Reiter reiten dicht gesellt,

und einer sich am andern hält.

Sie seh'n sich traurig ins Gesicht

und einer um den andern spricht:

 

„Mir blüht daheim die schönste Maid,

drum tut mein früher Tod mir leid.“

 

„Hab Haus und Hof und grünen Wald,

und sterben muss ich hier so bald!“

 

„Den Blick hab ich in Gottes Welt,

 sonst nichts,

doch schwer mir's Sterben fällt.“

 

Und lauernd auf den Todesritt

zieh'n durch die Luft drei Geier mit.

Sie teilen kreischend unter sich:

den speisest du, den du, den ich.

 

 

 

 

 

 

Der Werwolf

(Christian Morgenstern 1905)

 

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind, und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

 

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

 

"Der Werwolf", - sprach der gute Mann,

"des Weswolfs"- Genitiv sodann,

"dem Wemwolf" - Dativ, wie man's nennt,
"den Wenwolf" - damit hat's ein End.

 

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

 

Der Dorfschulmeister aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wusste.
Zwar Wölfe gäb's in großer Schar,
doch "Wer" gäb's nur im Singular.

 

Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

 

 

 

 

 

 

Es spukt

(Wilhelm Busch 1904)

 

Abends, wenn die Heimchen singen,

wenn die Lampe düster schwelt,

hör ich gern von Spukedingen,

was die Tante mir erzählt.

 

Wie es klopfte in den Wänden,

wie der alte Schrank geknackt,

wie es einst mit kalten Händen

Mutter Urschel angepackt.

 

Wie man oft ein leises Jammern

grad um Mitternacht gehört

oben  in den Bodenkammern,

scheint mir höchst bemerkenswert.

 

Doch erzählt sie gar das Märchen

Von dem Geiste ohne Kopf,

dann erhebt sich jedes Härchen

schaudervoll in meinem Schopf.

 

Und ich kann es nicht verneinen,

dass es böse Geister gibt;

denn ich habe selber einen,

der schon manchen Streich verübt.

 

 

 

 

 

 

Die Begegnung

(Heinrich Heine 1841)

 

Wohl unter der Linde erklingt die Musik,

da tanzen die Burschen und Mädel,

da tanzen zwei, die niemand kennt,

sie schaun so schlank und edel.

 

Sie schweben auf, sie schweben ab

in seltsam fremder Weise

sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,

das Fräulein flüstert leise:

 

„Mein schöner Junker auf Eurem Hut

schwankt eine Neckenlilie

die wächst nur tief am Meeresgrund –

ihr stammt nicht aus Adams Familie.

 

Ihr seid der Wassermann, Ihr wollt

verlocken des Dorfes Schönen.

Ich hab Euch erkannt, beim ersten Blick,

an Euren fischgrätigen Zähnen.“

 

Sie schweben auf, sie schweben ab

in seltsam fremder Weise,

sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,

der Junker flüstert leise:

 

„Mein schönes Fräulein sagt mir, warum

so eiskalt Eure Hand ist

und sagt mir warum so nass der Saum

an Eurem weißen Gewand ist.

 

Ich hab Euch erkannt beim ersten Blick,

an Eurem spöttischen Knixe –

Du bist kein irdisches Menschenkind,

Du bist mein Mühmchen, die Nixe!“

 

Die Geigen verstummen, der Tanz der ist aus,

es trennen sich höflich die beiden.

Sie kennen sich leider viel zu gut

und suchen sich jetzt zu vermeiden.

 

 

 

 

 

 

Die Winde des Herrn Prunzelschütz

(Fritz Graßhoff 1927)


Es war Herr Prunz von Prunzelschütz, der saß auf seinem Rittersitz

mit Mannen und Gesinde inmitten seiner Winde.


Die strichen, wo er ging und stand vom Hosenleder über's Land

und tönten wie Gewitter. So konnte es der Ritter.


 Zu Augsburg einst auf dem Turnier bestieg er umgekehrt sein Tier,

den Kopf zum Pferdeschwanze, und stürmte ohne Lanze.


Doch kurz vor dem Zusammenprall - ein Donnerschlag, ein dumpfer Fall

Herr Prunz mit einem Furze den Gegner bracht zu Sturze.


Da brach der Jubel von der Schanz. Herr Prunzelschütz erhielt den Kranz.
Der Kaiser grüßte lachend und rief: "Epoche machend!"


Ein Jahr darauf, Herr Prunzelschütz saß froh auf seinem Rittersitz

mit Mannen und Gesinde inmitten seiner Winde.


Da kam ein Bote, kreidebleich, und meldete: "Der Feind im Reich!

Das Heer läuft um sein Leben, wir müssen uns ergeben!"


Flugs ritt Herr Prunzelschütz heran, lupft seinen Harnisch hinten an

und lässt aus der Retorte der Winde schlimmste Sorte.


 Das dröhnte, donnerte und pfiff, so dass der Feind die Flucht ergriff.
Da schrie das Volk und wollte, dass er regieren sollte.


Herr Prunz indessen, todesmatt, sprach: "Gott, der uns geholfen hat,
der möge mich bewahren!" Dann ließ er einen fahren.


Der letzte war's, der schwach entfloh, drauf schloss für immer den Popo
Herr Prunz, der edle Ritter, und alle fanden's bitter.

 

Er ward begraben und verdarb. Die Burg zerfiel. Doch wo er starb,
steht heute eine Linde. Da raunen noch die Winde!

 

 

 

 

 

 

Die Schönwetterhexe

(Max Mell 1929)

 
Irgendwo im Laub hat sie gelacht,
(und) es glänzt von ihren blanken Augen!
(Und) der Jüngling lässt sein schönes Liebchen,
hat sich nach der Hexe aufgemacht.


Und ihm dünkt, dass er die Fährte fand;
(hier) im Wald dies ist ihr goldner Fußtritt,
(dort) die Blume trägt die Zauberbotschaft,
(denn) durchleuchtet ist des Kelches Wand!


Schleicht er vor, so gängelt ihn ein Falter,

morgenfrisch, wie er noch keinen sah,

Sonnendisteln (nisten) längs des Weges,

(eine) jede ist ein strahlend Ja!

 
Fort! Ihr nach! Da jauchzt er hingerissen:
eine Felsenbühne öffnet ihm
ihre prangenden Kulissen,
(und) er geht durch sie mit Ungestüm.


Rieseln einmal Steinchen durch die Stille,
ihre flinke Sohle hat's getan!
(Dort) im Winkel ihre schneegewobne Hülle!
(Und) die Hexe schritt ihm nackt voran!

 

Und ihm tobt das Herz. Ich fass dich droben!
(Doch) beklommen tritt er und allein
in ein Blau, das furchtbar ferngehoben,
(und nur) Moos umdorrt den Gipfelstein.


Schmelz von Wangen, Schmelz der schönsten Glieder
an die ungeheure Welt verteilt –
Wohin jetzt? Und bange späht er nieder,
ahnend, dass ihm nichts die Sehnsucht heilt.

 

Starrt, wie blendend von den Gipfelgrenzen
bis zum tiefen See der Abend quillt,
(und) er weiß nicht, flog sie in sein Glänzen,
oder sank sie in sein Spiegelbild.

 

 

 

 

 

 

Der Tantenmörder

(Frank Wedekind 1902)

 

Ich hab meine Tante geschlachtet

meine Tante war alt und schwach;

ich hatte bei ihr übernachtet

und grub in den Kisten nach.

 

Da fand ich goldene Haufen

fand auch an Papieren gar viel

und hörte die alte Tante schnaufen

Ohne Mitleid und Zartgefühl.

 

Was nutzt es, dass sie sich noch härme -

Nacht war es rings um mich her -

Ich stieß ihr den Dolch in die Därme,

Die Tante schnaufte nicht mehr.

 

Das Geld war schwer zu tragen

viel schwerer die Tante noch

Ich fasste sie bebend am Kragen

und stieß sie ins tiefe Kellerloch. -

 

Ich hab meine Tante geschlachtet,

meine Tante war alt und schwach;

Ihr aber oh Richter ihr trachtet

meiner blühenden Jugend nach!

 

 

 

 

 

 

Ballade von der Bitte um Verzeihung

 (Francois Villon um 1640)

 

Die Kartäuser, Zölestiner,

Bettelmöche, Büßer, Nonnen,

Pflastertreter und Schlawiner,

Freudenmädchen, kecke Bonnen -

(seht, wie sie ihr Kleidchen tragen!),

Gecken, die sich eitel sonnen,

eng geschnürt und ohne Klagen -

Alle bitt ich sie um Verzeihung!

 

Mädchen, die auf Jagd nach Kunden

mit den Brüsten paradieren,

Säufer, Barfußvagabunden,

Diebe, die bei Nacht hantieren,

Narren, dumme Jungen, Gänschen,

die sich pfeifend amüsieren,

Fräuleins und Galan beim Tänzchen -

alle bitt ich sie um Verzeihung!

 

Nur nicht hündische Verräter,

Die mir Brot verschimmelt bringen,

Schlamm zum Trunk - die Attentäter

(Saukot würd ich lieber schlingen!)

Furz und Rülpse diesen Schindern!

(sitzend will es nicht gelingen) -

Doch um neuen Streit zu hindern,

bitt ich sie alle um Verzeihung!

 

Schlagt ihnen doch mit Kugeln und Blei,

wuchtigen Schmiedehammern dabei,

jede der fünfzehn Rippen zu Brei -

doch bitt ich sie alle um Verzeihung!

 

 

Pflastertreter: müßig Herumschlendernder

Bonne: Amme, Kindermädchen